ausgesiebt
14. Dezember 2018

Leistung - Was ist das?

  Leistung – Was ist das?

Leistung soll sich lohnen, heißt es. Aber für wen soll sie sich lohnen? Welche Leistung ist gemeint? Und welcher Lohn? Kann man die Leistung eines Menschen eher daran messen, wie sehr er sich angestrengt hat, oder eher daran, wie wertvoll das Ergebnis ist? Schränkt man die Überlegung auf Arbeit und Betriebswirtschaft ein: Lässt sich Leistung dann an der Höhe der Erlöse ablesen? An der Zufriedenheit der Kunden? Am Gewinn, der am Ende übrig bleibt? Und wie sieht es im steuer- oder beitragsfinanzierten Dienstleistungsbereich (Soziales, Pflege, Erziehung) aus, also auf den Feldern, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Einrichtungen beackert werden? Gelten da andere Maßstäbe?

Von Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung ist jedenfalls sehr häufig die Rede. Burnout, Depression und andere Überlastungskrankheiten scheinen, falls man den veröffentlichten Statistiken trauen kann, in diesen Arbeitsfeldern besonders häufig vorzukommen. Helfen kann da vielleicht die Einführung eines Leistungsentgelts. Die Leistungserwartung wird dadurch zwar nicht geringer, eher im Gegenteil. Aber sie lohnt sich dann wenigstens, zumindest für die Leistungsstarken. Bleibt allerdings die Frage nach den Methoden zur systematischen und flächendeckenden Leistungsbewertung. Nicht wirklich gelöst ist damit auch das „Randproblem“, die Leistungsschwächeren einigermaßen bei Laune zu halten.

Freundlichkeit und Zuwendung, Offenheit für Neues, Kontaktfreudigkeit, das schnelle Bewegen in sozialen Netzwerken, Begeisterungsfähigkeit, kollegiale Einstellung und Teamfähigkeit sind in vielen Arbeitsfeldern ebenso wichtig wie Fachkenntnisse, Ausdauer, Beachtung aller Vorschriften, Pünktlichkeit, zügige Arbeitserledigung usw. Unmöglich, das alles und vieles mehr individuell zu messen, zu gewichten, zu vergleichen, in Beziehung zu setzen zum Entgelt-Topf, der insgesamt nach Leistung zu vergeben ist. So könnte man jedenfalls denken. Doch weit gefehlt. Es gibt unendlich viele Mitarbeitergespräche, Checklisten, Raster, Tabellen, Vereinbarungen, Papiere aller Art, mit denen das Kunststück in manchen Einrichtungen zu gelingen scheint. Doch wird hier tatsächlich gute Arbeit anerkannt und belohnt? Schaut man genauer hin, kann man gelegentlich auch auf einen ganz anderen Gedanken kommen:
Die Kriterien zur Leistungsbewertung erinnern nämlich ein wenig an die Geschichte von dem Betrunkenen, der, endlich zuhause angekommen, seinen Haustürschlüssel nicht finden kann. Er hat ihn offenbar unterwegs verloren. Eine halbe Stunde später sieht der nächste Spätheimkehrer, wie der Betrunkene intensiv im Umkreis einer Straßenlaterne nach seinem Schlüssel sucht. „Warum suchst du denn hier? An dieser Laterne bist du doch gar nicht vorbei gekommen.“ – lautet seine vorsichtige Anmerkung. Darauf der Betrunkene: „Aber hier sehe ich wenigstens etwas.“

Angesichts der zunehmenden Leistungsorientierung (bei der schon jetzt häufigen Überlastung) bringen manche Kritiker den fast schon verdrängten Negativbegriff der Ausbeutung wieder ins Spiel. Gerade bei den Hilfskräften, den Minijobs und den nur kurzzeitig oder mit genau zugeschnittener Stundenzahl Beschäftigten geht es häufig um die maximale Nutzung von Arbeitskraft zum niedrigen Tarif. Ob gerade diese Kolleginnen und Kollegen vom Leistungsentgelt profitieren können? Wohl eher nicht. Genauso wenig diejenigen, die wegen ihres Alters, wegen körperlicher oder psychischer Einschränkungen auch bei höchstmöglichem persönlichen Einsatz nur einen geringeren Output erbringen.

 Für alle, die dem Thema ausführlich auf den Grund gehen wollen, hier noch eine Buchempfehlung: Lars Diestelhorst, Leistung – Das Endstadium der Ideologie, transcript-Verlag 2014. Damit sich aber niemand das Buch mit einer falschen Erwartung kauft, sei angemerkt: Der Autor hält den Leistungsbegriff grundsätzlich nicht für geeignet, um Arbeitsprozesse in der heutigen Gesellschaft zu beschreiben oder gar weiter gehende Qualitäts-Aussagen zu machen. Wer den Leistungsbegriff als Arbeitnehmer im Munde führe, der solle sich – so der Autor – ein Bonmot Erich Kästners in Erinnerung rufen: „Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Darüber sollten wir ins Gespräch kommen, oder?

Dia Logo