ausgesiebt
14. Dezember 2018

Oh, wie schön ist Trittbrettfahren!

 Oh, wie schön ist Trittbrettfahren!

Das Trittbrett sollte es leichter machen, in einen hochrädrigen Eisenbahnwagen, wie sie einst üblich waren, einzusteigen.
Auch alte Straßenbahnen verfügen über Außen-Trittbretter, über die man mit einem Zwischenschritt leichter einsteigen konnte. Dadurch war es möglich, die nötige Frechheit vorausgesetzt, auch während der bereits begonnenen Fahrt noch aufzuspringen und in halbwegs sicherem Stand auf dem Trittbrett zu verharren. Gelang es, zusätzlich mit den Händen einen Halt zu finden, konnte man auch eine ganze Fahrt auf diese Weise zurücklegen, ohne wirklich einsteigen und den fälligen Fahrpreis zahlen zu müssen. Bei einer eventuellen Zahlungsaufforderung konnte man jederzeit schnell abspringen, um ggf. beim nächsten Zug wieder für eine weitere Strecke aufzusteigen.
Eigentlich supergünstig und mit kostenlosem frischen Wind um die Nase als Dreingabe!

Wo liegt also das Problem?

Nun ja, wie bei jeder Art des Schwarzfahrens oder der wirtschaftlichen Mitnahmeeffekte: Ein von anderen bereitgestelltes bzw. bezahltes Gemeingut wird von Einzelnen oder ganzen Gruppen genutzt, ohne dass sie sich selbst an den Kosten beteiligen.
Um im Bild zu bleiben: Der Dritte Weg, auf dem unsere  AVR- oder KAVO-Tarife ausgehandelt werden, funktioniert bisher  als angehängtes Trittbrett: Energie und Kosten für die Bewegung, die auch die kirchlichen/caritativen Tarife (wenngleich allzu langsam) nach oben führt, bringen andere auf.
Es sind die bei ver.di organisierten Kolleginnen und Kollegen im Öffentlichen Dienst, die jeweils vorangehen und Erhöhungen der Vergütung oder Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Tarifverträgen durchsetzen. Dafür kämpfen sie, dafür streiken sie notfalls auch und dafür zahlen sie ein Berufsleben lang ihren Gewerkschaftsbeitrag.

Zurzeit ist es wieder soweit: Die arbeitnehmerseitigen Mitglieder in den Kommissionen des Dritten Weges setzen sich für die Übernahme des jüngsten Tarifabschlusses ein (im Kern drei Prozent Lohnerhöhung und dabei mindestens 90 Euro mehr für die unteren Lohngruppen). Vom Ergebnis, das vermutlich noch etwas auf sich warten lassen wird, das vielleicht auch einige kleine Abweichungen enthält, werden wieder einige Hundertausende Beschäftigte in den Einrichtungen von Kirche und Caritas profitieren. Sich sonderlich anstrengen oder kämpfen oder gar einen Gewerkschaftsbeitrag zahlen, das müssen sie dafür nicht.  Auf dem Trittbrett fährt man kostenlos mit.

Wo bleibt da eigentlich die in der katholischen Soziallehre und zuletzt auch von Papst Franziskus so hoch gelobte Solidarität?

Auch wer auf dem Trittbrett stehen bleibt, vielleicht um des besonderen Freiheitsgefühls willen, kann doch trotzdem freiwillig seinen Fahrpreis zahlen. Die Kohle, die den Zug in Bewegung hält, fällt nicht vom Himmel, sie muss in vielen kleinen Portionen kontinuierlich zusammengebracht werden.

Da kann jeder Mitfahrer sein Scherflein beitragen. Außerdem schärft das die Sinne für den eigenen Solidaritätsbedarf und für Zeiten, in denen es enger wird auf dem ach so romantischen Trittbrett.

Das jedenfalls meint Ihre

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