ausgesiebt
14. Dezember 2018

Verdi

Verdi unterstützen?

Unter Mitarbeitervertreterinnen und Mitarbeitervertretern ist allenthalben zu hören, man müsse die von der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) initiierte Aufwertungskampagne für den Sozial- und Erziehungsdienst unterstützen.

Gut so.

Bei der erzieherischen Arbeit mit Kindern etwa handelt es sich um gesellschaftlich wichtige, besonders verantwortungsvolle und vielfältig anspruchsvolle Tätigkeiten, die weit unterbewertet sind.
Hinzu kommt: Sollte Verdi mit dem Versuch, die Eingruppierung neu zu regeln und eine Einkommenssteigerung von bis zu 10 Prozent durchzusetzen, Erfolg haben, käme das erfahrungsgemäß im gleichen Umfang den MitarbeiterInnen in den kirchlich getragenen Einrichtungen zu gute.

Also: Wir unterstützen die Verdi-Kampagne! - Aber wie denn?

In den kirchlichen Einrichtungen scheint die Bereitschaft jedenfalls nicht besonders groß zu sein, die entsprechenden Flugblätter zu verteilen oder öffentlich für die Forderungen einzutreten, schon gar nicht ist man bereit, an der einen oder anderen Demonstration teilzunehmen.
Mehr ist ohnehin nicht drin, denn streiken dürfen wir ja nicht.
Und wir brauchen es auch nicht, denn unsere Kommissionen werden den Tarifabschluss, wenn er denn schließlich zustande gekommen sein wird, ohnehin übernehmen.

Falsch wäre es jedoch, daraus den Schluss zu ziehen, mehr an Unterstützung sei auch gar nicht möglich. Wer Verdi bei dieser und andern Tarifauseinandersetzungen wirklich unterstützen will, könnte zumindest Mitglied werden und seinen Gewerkschaftsbeitrag bezahlen. Das stärkt den aktiven Akteuren den Rücken. Das bindet im besten Fall aber auch in das gewerkschaftliche Kommunikations- und Solidaritätsnetz ein. Das aber ist – so die Erfahrung – unerlässliche Voraussetzung, um sich und andere tatsächlich zur aktiven Teilnahme an einer solchen Kampagne zu bewegen.

Was spricht bei den Beschäftigten kirchlicher Einrichtungen eigentlich dagegen, Gewerkschaftsmitglied zu werden?

Nichts. Im Gegenteil:
Bei der Berufsgruppe der Ärzte kann man ablesen, wie viel Macht deren hoher Organisationsgrad in ihrer Spartengewerkschaft Marburger Bund verleiht. Wieso gibt es in den kirchlich-caritativen Einrichtungen keinen ähnlich hohen Organisationsgrad bei den übrigen Berufsgruppen, für die sich in erster Linie eine Verdi-Mitgliedschaft anbieten würde? Mit massenhaftem oder zumindest vielzähligem Verdi-Beitritt könnte man eine wirklich spürbare Unterstützung der aktuellen Kampagne für den Sozial- und Erziehungsdienst entfalten.

Die neue Rahmen-KODA-Ordnung, nach der die Arbeitsweise der katholischen Arbeitsrechtlichen Kommissionen geregelt wird, sieht, wenn auch nur auf Druck der bekannten BAG-Urteile vom November 2012, die Einbeziehung der Gewerkschaften vor. Ein eigenes Thema.

Hier nur der Hinweis: Wie soll das sinnvoll funktionieren, wenn beim Gros der Berufsgruppen die Basis fehlt, weil der gewerkschaftliche Organisationsgrad beschämend gering ist? Wollen die Krankenhausbelegschaften das Feld allein dem Marburger Bund überlassen? Wollen die Erzieherinnen sich weiterhin von den Gewerkschaften fern halten und ihren Beitrag einsparen, aber gleichzeitig behaupten, dass sie Verdi unterstützen?

Doch Achtung:
Sollte tatsächlich ein Umdenken einsetzen und das gewerkschaftliche Engagement deutlich anwachsen oder zum Normalfall werden, ist mit Widerständen zu rechnen.

Manche bekennende Gewerkschaftsgegner und ihre Aktivitäten stehen „bei Kirchens“ in hohem Ansehen. In einem 2014 erschienenen Buch mit dem Titel „Die Fertigmacher“ (von Werner Rügemer und Elmar Wiegand), in dem es um das Aufdecken „professioneller Gewerkschaftsbekämpfung“ geht, wird z.B. Gregor Thüsing als einer von 13 besonders herausgehobenen Gewerkschaftsgegnern vorgestellt. Einst Assistent von Thomas Middelhoff, als dieser noch Vorstandsvorsitzender des Bertelsmann-Konzerns war, ist er heute ein viel gefragter arbeitsrechtlicher Gutachter und anwaltlicher Vertreter für unterschiedlichste Arbeitgeber, auch im kirchlichen Bereich. Mitarbeitervertretern ist er bekannt als anscheinend neutraler stellvertretender Vorsitzender des Kirchlichen Arbeitsgerichts Hamburg oder Mitautors des Freiburger MAVO-Kommentars, aber auch als gewiefter und kämpferischer Vertreter von Dienstgebern.

Diese letzten Bemerkungen sollen nicht abschrecken, sondern nur daran erinnern, dass die Interessensgegensätze auch im kirchlichen Kontext gelegentlich mit harten Bandagen, wenn auch hinter freundlicher Fassade, ausgetragen werden.

Da kann es nicht schaden, von Verdi unterstützt zu werden. Das muss freilich auf Gegenseitigkeit beruhen

                                                                                               – meint jedenfalls Dia Logo.