ausgesiebt
14. Dezember 2018

Werte - Schein oder Sein?

Die Caritas schreibt auf ihrer Internetseite: „Wenn Sie bei der Caritas arbeiten möchten, entscheiden Sie sich für den größten sozialen Arbeitgeber in Deutschland. Die Arbeit erfolgt auf der Basis des kirchlichen Arbeitsrechts.“1

Die Basis des kirchlichen Arbeitsrechts ist die Grundordnung. Die Grundordnung erklärt den Dienst am Nächsten innerhalb des Arbeitsverhältnisses mit Kirche und Caritas zum Mitwirken an der Sendung durch Jesus Christus. Dieser Dienst ist Religionsausübung. Zu den Grundlagen der jüdisch-christlichen Religionspraxis gehören die Zehn Gebote, die Gott seinem Beauftragten Mose auf dem Berg Sinai gegeben hat. Diese alten Vorschriften regeln das Miteinander der Menschen und das Verhältnis zu Gott. Die Zehn Gebote wirken universal, in allen Lebensbereichen, auch in der Arbeitswelt, auch – und mit der größten Selbstverständlichkeit – bei Kirche und Caritas.

 Die Zehn Gebote setzen Wertmaßstäbe, die auch heute unverzichtbar sind: Sie verpflichten unsere Gesellschaft – also jeden von uns in seinem Miteinander mit dem Nächsten – auf ein Ideal, zu dessen tragenden Säulen Fairness und offene Kommunikation gehören, Freiheit und Toleranz, Integrität und Verantwortungsbewusstsein, Wertschätzung des Mitmenschen und Vertrauen. Ein anderes Wort für „Ideal“ ist, nebenbei gesagt: „Leitbild“.

 Doch was ergibt der Praxistest? Bestimmen diese Werte tatsächliche die Entscheidungen in unseren Einrichtungen oder wird das Ideal zunehmend dem Diktat des Geldes und der Nutzungsoptimierung der menschlichen Arbeitskraft geopfert? Gilt die Verpflichtung auf die Werte auch für die Fordernden oder nur für die, von denen sie eingefordert werden? Wird der Mensch in seinem Wert als Mensch geschätzt oder ist er als „human capital“ zum Produktionsfaktor verkommen?

 Als Symptom eines Wertverlustes kann der Abschluss sachgrundlos befristeter Arbeitsverträge gewertet werden. Die systematische Nutzung dieses „personalwirtschaftlichen Instruments“, weit verbreitet auch in den Einrichtungen von Kirche und Caritas, ist völlig legal – und doch kommt es einem unsozialen Ausnutzen rechtlicher Möglichkeiten gleich, das geeignet ist, die Würde von Beschäftigten zu verletzen und die Glaubwürdigkeit des Caritas-Leitbildes zu beschädigen. Auf der Mitarbeiterseite ist dazu eine rege Diskussion entstanden, inzwischen auch in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen. Und ver.di hat die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung zum Gegenstand der soeben eröffneten Verhandlungsrunde für den öffentlichen Dienst erhoben.

 Die Zweitklassigkeit, die Unsicherheit eines Arbeitsplatzes auf Bewährung ist für unsere unfreiwillig befristeten Mitarbeiter täglich erfahrene Realität. Was aber kann die Mitarbeiterseite tun, um die Dienstgeber zu bewegen, neben die juristische und personalwirtschaftliche Sicht der Dinge der bisher ausgeblendeten sozialethischen Betrachtung Geltung zu verschaffen? Gibt es einen wirksamen Appell an die Verantwortlichen, sich auf grundlegende christliche Werte und auf die Wertschätzung ihrer Mitarbeitenden zu besinnen?

 Vielleicht gibt es ihn und vielleicht finden wir ihn. Vielleicht gelingt es ver.di, die Arbeitgeber dazu zu bringen, dass sie sich durch die Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von ein paar Zehntelprozent Gehaltssteigerung freikaufen.

 Und sonst? Wenn kein Wunder geschieht? Bleibt der lange Weg. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, besonders ihre gewählten Vertreter in den MAVen, könnten durch den Umgang miteinander ein Beispiel geben, wie man Werte gestalten und leben kann.

 Wie wäre es, sich dazu an den folgenden zehn Leitgedanken zu erproben?

  • Verfolge beharrlich das Ziel sozialer Gerechtigkeit. Gehe ruhig und gelassen auf Konflikte zu; sie entstehen nicht ohne Grund und sie bergen den Keim für notwendige Veränderungen.
  • Äußere deine Überzeugungen furchtlos und klar. Heuchle keine Freundlichkeit gegenüber Menschen, die Eigennutz und Selbstbespiegelung vorziehen. Meide Schönfärberei und übertriebene Anpassung, sie sind eine Qual für jeden kritischen Geist.
  • Höre genau hin, wenn andere sprechen, denn niemand ist geistlos oder in allem unwissend. Die einfache und direkte Sprache birgt oft mehr Wahrheit als ein Ex-cathedra-Tonfall oder selbstgefälliger Fachjargon.
  • Wenn du dich mit anderen vergleichst, hüte dich vor Minderwertigkeitsgefühlen oder Unterwürfigkeit gegenüber Menschen, die mehr Macht und mehr Geld haben – sie sind weder bedeutender noch besser als du. Freue dich deiner Leistungen und deiner Pläne.
  • Freue dich an deinem Lebensalter. In Anmut und Selbstachtung wandle dein Leben mit den Jahren. Doch verlerne nicht, dich vom Angesicht des andern berühren zu lassen. Wahre die Würde der Jüngeren und der Älteren – so wie du es umgekehrt erwartest.
  • Bei aller Selbstdisziplin – sei gut zu dir selbst und wende dich Menschen zu, die dir gut tun. Stärke dein soziales Netzwerk, damit es dich bei plötzlich herein brechendem Unglück trägt. Sei selbst bereit, andere im Unglück zu stützen. Das bereichert auch dich, es schützt vor Ängsten und Einsamkeit.
  • Du lebst in der einen globalen Menschheitsfamilie und in einer verletzlichen natürlichen Umwelt. Auch du trägst Mitverantwortung für diese Welt. Denn zweifellos entwickelt sie sich nicht einfach vorsehungsgemäß, sie leidet vielmehr unter Ausbeutung und Unterdrückung.
  • Lebe im Frieden mit Gott und lass Dich durch Misserfolge nicht vom Weg der Gerechtigkeit und der Rücksicht abbringen, denn eins ist gewiss: Erfolg ist keiner der Namen Gottes.
  • Alle Angst und Gewalt haben ihre Ursache. Mische dich ein zugunsten der Bedrängten, teile deinen Traum mit anderen. Das gibt deiner Seele Frieden und verändert die Welt.
  • Sei mutig. Strebe danach, ein Leben zu führen, das für dich und andere sinnvoll ist. Denn Glück ist die nicht beabsichtigte Nebenfolge sinnvollen Tuns.

 Gewiss, keine Zehn Gebote, aber vielleicht eine hilfreiche Orientierung für verantwortungsbewusste Mitmenschen.

Das jedenfalls meint

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